Die Frau als Freiwild Sexualisierte Gewalt kann jede treffen

Presseaussendung anlässlich 16 Tage gegen Gewalt

Am 25. November – dem internationalen Gedenktag für alle Frauen und Mädchen, die Opfer von Gewalt wurden – beginnt die internationale Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“. Der Zeitraum von 25. November bis 10. Dezember wird genutzt, um das Ausmaß und die verschiedenen Ausprägungen von Gewalt gegen Frauen aufzuzeigen sowie ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Gewalt gegen Frauen und Mädchen als fundamentale Menschenrechtsverletzung nachhaltige Folgen für die Betroffenen selbst, aber auch für die gesamte Gesellschaft hat. Anlässlich der Aktionstage „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ stellt der Verein wendepunkt sein neuestes Angebot vor: die Fachberatung für sexualisierte Gewalt in Niederösterreich.


Sexualisierte Gewalt ist eine Lebensrealität von Frauen

Frieda ist 24 Jahre, ledig und Mutter von einem Kind. Sie wurde als 6-jähriges Mädchen von ihrem Vater sexuell missbraucht. Seither befindet sie sich in Psychotherapie, um das Erlebte zu verarbeiten. Klara ist 18 Jahre alt und besucht das Oberstufenrealgymnasium. Ein Klassenkollege zwingt sie, dass sie ihm Fotos schickt, worauf sie nackt zu sehen ist. Seither fühlt sie sich in der Klasse nicht mehr wohl. Madeleine ist 47 Jahre alt, verheiratet und Naturliebhaberin. Während eines Spaziergangs wurde sie, unerwartet, von einem ihr unbekannten Mann angegriffen, bedroht und vergewaltigt. Seither begleiten sie Schlafstörungen, Alpträume und Ängste. Und sie ist damit nicht allein, denn nahezu jede 3. Frau wird Opfer sexualisierter Gewalt[1]


Was ist sexualisierte Gewalt?

Belästigen, begrapschen, aufdrängen, zwingen oder nötigen zu vaginalen, oralen oder analen sexuellen Handlungen, zu pornografischen Aufnahmen, zum Ansehen von Pornofilmen, zu sexuellen Handlungen mit anderen Personen, bis hin zur Vergewaltigung – all dies sind Ausdrucksformen sexualisierter Gewalt.

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen umfasst alle sexuellen Handlungen, die einer Frau bzw. einem Mädchen aufgedrängt oder aufgezwungen werden. Sie ist ein Akt der Aggression und des Machtmissbrauchs des Täters, nicht das Resultat unkontrollierbarer sexueller Triebe. Sexuelle Übergriffe sind Unrecht und auch in einer Ehe/Partnerschaft strafbar. Obwohl es sowohl weibliche als auch männliche Opfer (wie auch Täter) sexualisierter Gewalt gibt, sind Frauen bedeutend häufiger Opfer von sexualisierter Gewalt[2].


Wie viele Frauen sind betroffen?

Gemäß der „Österreichischen Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern“ des Österreichischen Institut Familienforschung (ÖIF) aus dem Jahr 2011 haben drei Viertel aller befragten Frauen sexuelle Belästigung erlebt (74,2%), nahezu ein Drittel aller befragten Frauen haben sexuelle Gewalt erfahren (29,5%).[3]

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt die EU-Studie aus dem Jahr 2014, die die Europäische Grundrechtsagentur durchgeführt hat. Die Tatsache, dass die Zahl der angezeigten Taten von sexueller Gewalt deutlich geringer ist, als die Zahl der tatsächlich erlebten Gewalt belegt beispielsweise die Dunkelziffer bei Vergewaltigung von 1:11 (Prävalenzstudie: 112). Das bedeutet, dass nur 8,8 % der Frauen, die eine Vergewaltigung erlebten, Anzeige erstatteten.


Die Folgen sexualisierter Gewalt

Opfer sexualisierter Gewalt sind mit Gefühlen von Angst, Scham, Ohnmacht und Wut sowie Folgen von sozialer Ausgrenzung (Freundeskreis, Familie, Arbeitsplatz etc.) und psychischen Krankheitsfolgen (Posttraumatische Belastungsstörung, Depression etc.) konfrontiert. Betroffene von sexualisierter Gewalt haben einen hohen Bedarf an professioneller Hilfestellung psychosozialer und juristischer Natur.


Es gibt Unterstützung - Fachberatung für sexualisierte Gewalt des Vereins wendepunkt

Im Jahr 2019 wurde das Angebot des Vereins wendepunkt mit der Fachberatung für sexualisierte Gewalt erweitert. Seither bieten wir ein spezialisiertes Beratungsangebot (telefonisch, persönlich oder per Video) für betroffene Frauen und Mädchen ab 14 Jahren sowie deren Angehörigen an. Die Beratung ist kostenlos und kann anonym stattfinden.

Opfer von (sexualisierter) Gewalt haben ein Recht auf Beistand. Daher bieten wir kostenlos psychosoziale Prozessbegleitung an. Das heißt, wir begleiten und beraten Betroffene bei einer Anzeige zur Polizei und unterstützen vor, während und nach dem Strafverfahren – gemeinsam mit Anwältinnen unseres Vertrauens.


Prinzipien Sicherheit und Verschwiegenheit - Der wendepunkt als Safe Base

Der gemeinnützige Verein wendepunkt bietet seit dem Jahr 1992 kostenlose und anonyme Unterstützung für Frauen und ihre Kinder im Raum Wiener Neustadt. Unter dem Grundsatz der Verschwiegenheit arbeiten die Mitarbeiterinnen in den Bereichen Frauenhaus, Frauenberatung einschließlich der „Fachberatung sexualisierte Gewalt Niederösterreich“, frauenspezifische Psychotherapie und im Bildungsbereich „frauenwissen“. Oberste Priorität des wendepunkt ist es, allen Frauen und Mädchen einen sicheren Raum zur Verfügung zu stellen. Auf der Grundlage dieser SAFE BASE fördern wir ein selbstbestimmtes und gewaltfreies Leben von Frauen und Mädchen. Ziele unserer Arbeit sind die Herstellung gerechter Lebensbedingungen für Frauen, die Förderung ihrer ganzheitlichen Gesundheit und positiver Selbstbilder sowie die Entwicklung neuer Lebensperspektiven.




Kontakt und Rückfragehinweis:

DSA Elisabeth Cinatl, MSc, Geschäftsleiterin

Tel: 0676 / 42 565 77, E-Mail: office@wendepunkt.or.at




[1] Kapella, Olaf (2011): Gewalterfahrungen von Frauen. Formen und Ausmaß. Österreichische Prävalenzstudie 2011. Hg.: Österreichisches Institut für Familienforschung.

[2] 83,1% der betroffenen Frauen erfuhren sexuelle Belästigung ausschließlich von Männern, weitere 12,8% überwiegend von Männern (Kapella: 16). Kapella,Olaf (2011): Gewalterfahrungen von Frauen. Formen und Ausmaß. Österreichische Prävalenzstudie 2011. Hg.: Österreichisches Institut für Familienforschung.

[3] 1292 befragte Frauen im Alter von 16 bis 60 Jahren.